Im Stadttheater feierte das Stück „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ Krefelder Premiere. Darin changieren Komödie und Tragödie wie in einem Irrenhaus.
VON ERNST MÜLLER
Krefeld. Die Bühne besteht aus einem viereckigen Laufsteg mit neun Trampolinen in der Mitte. Alle Akteure befinden sich permanent im Sichtraum. Rückzug nicht möglich. Dafür ständig Attacken, Beschimpfungen, Kämpfe - Mord inbegriffen. Die Szene ist ein Kampfplatz. Inhalt und Ablauf sind schwer auszumachen. Die Handlung ist irrsinnig, die Gebärden sind puppenartig verkrampft und die Stimmung schwankt zwischen Kinderspiel, Tragödie und Witz. Das Stück ist eine Groteske. Darin liegt stets ein Wagnis: Kippt das groteske Theater ins Alberne oder lässt es auf poetische Weise die Wirklichkeit durchschimmern? Der Kampf aller gegen alle findet in jedem Büro statt; in den Familien, eben im Leben. Dabei suchen die Kampfhähne doch eigentlich nur Anerkennung und Liebe. Wie dieser Königssohn, der eine hässliche Außenseiterin zur Braut erwählt, weil er sich gegen Natur und Eltern aufzulehnen wünscht. Diese Auflehnung resultiert aus dem unerfüllten Wunsch nach elterliche Liebe, die ihm versagt bleibt. Denn die Eltern und ihr Hofstaat, der eher einem Irrenhaus gleicht, sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt: mit ihrem eigenen Geheimleben, in dem sie Liebe und Geborgenheit zu finden hoffen, die sie im tatsächlichen Leben eben vergeblich suchen. Ihre Identitätslosigkeit deuten Regisseurin Bernarda Horres und Kostümbildnerin Stephanie Geiger durch ein Kunterbunt an Textilfetzen an. Soweit der Realitätsbezug. Die Schauspieler spielen die grotesk verzerrten Rollen faszinierend-schaurig aus. Allen voran Stefan Diekmann, der den Vater mimt und dem mehrere witzige Einlagen gelingen. Leider werden die engagierten Mimen ein wenig vom Text des polnischen Autors Witold Gombrowicz im Stich gelassen. Im absurden oder auch grotesken Theater muss der Text Funken schlagen, da dieses Theater allein durch die Sprache überzeugt. Der vorliegende Text jedoch rauscht zu oft belanglos vorüber und geht nicht selten in wildem Geschrei und lautstarken Krakelereien unter. Wie eine sprachliche Insel der Poesie erklingt da aus dem Munde Diekmanns der anrührige Vierzeiler vom hintergründigen Altmeister Joseph von Eichendorff: „Eine Hochzeit fährt da unten/ auf dem Rhein im Sonnenscheine/ Musikanten spielen munter/ und die schöne Braut, die weinet.“ Es ist kein Zufall, dass diese Verse ganz leise gesprochen werden. Sie bringen treffend auf den Punkt, woran sich der Theatertext abmüht. Trotzdem erlebt das Publikum einen unterhaltsamen Abend. Ein sicherlich robuster, aber letztlich doch interessanter Farbtupfer im Spielplan. Das Premierenpublikum jedenfalls belohnte die Leistung zwar nicht mit rauschendem, aber doch starkem Applaus.
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